Bündnis Nordisches Modell LogoOffener Brief

Brussels' Call und die European Women's Lobby fordern in einem offenen Brief, dass die europäischen Länder alles in ihrer Macht Stehende tun, um geflüchtete Frauen und Kinder aus der Ukraine vor Menschenhandel und sexueller Ausbeutung zu schützen. Auch das Bündnis Nordisches Modell hat den Brief unterzeichnet.

Das Netzwerk gegen Menschenhandel ist Partner des Bündnisses Nordisches Modell.

Hier finden Sie den vollständigen offenen Brief in deutscher Sprache (und hier die Position des Netzwerks gegen Menschenhandel zum Thema). Die Hervorhebungen sind durch uns erfolgt:

 

Gemeinsamer Brief
Brussels’ Call - For a Europe free from sexual exploitation

Schützen Sie Frauen und Kinder vor sexueller Ausbeutung heute und morgen

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Sehr geehrter Herr Minister Dr. Buschmann,
Sehr geehrte Frau Ministerin Faeser,
Sehr geehrter Herr Minister Heil,
Sehr geehrte Frau Ministerin Paus,

nach Angaben des UNHCR sind seit Beginn des Krieges in der Ukraine am 24. Februar 2022 bereits 4 Millionen Menschen in die Europäische Union und andere Nachbarländer geflohen. Vor allem Frauen und Kinder sind auf der Flucht. Sie haben traumatische Erlebnisse hinter sich und sind in großer Angst um ihre Familien und die Zukunft ihres Landes. Diese Menschen sind besonders verletzlich und brauchen den größtmöglichen Schutz. Seit Beginn des Krieges erleben wir aber leider auch, dass Kriminelle die verzweifelte Lage der geflüchteten Frauen und Kinder für ihre Zwecke missbrauchen. Menschenhändler versuchen, Frauen und Kinder auf der Flucht oder in den Ankunftsstaaten innerhalb der Europäischen Union mit dubiosen Angeboten in ihre Fänge zu locken und zu täuschen. Auch Mädchen und Frauen mit Behinderungen werden hier zur Zielgruppe. An den Grenzen, an Bahnhöfen und Verteilungspunkten kommt es zu Anwerbeversuchen, die eindeutig auf das Prostitutionsmilieu hinweisen. Europol warnte bereits am 21. März, dass etablierte Menschenhändlerringe die Ankunft vieler potenzieller Opfer in den Grenzregionen Ost- und Südosteuropas ausnutzen werden, um sie von dort aus in westliche Staaten weiterzuleiten. Nicht erst seit der Flucht aus der Ukraine ist dies ein bekanntes Muster des Menschenhandels in Europa.

Die von den Streitkräften der Russischen Föderation verübten Gräueltaten, die jetzt in Buka, Irpin und anderen Städten dokumentiert wurden, sind ein Beweis für den Einsatz sexueller Gewalt als Kriegswaffe. Frauen und Kinder, insbesondere Mädchen, sind systematischem sexuellen Missbrauch ausgesetzt. Der Missbrauch hinterlässt bleibende - körperliche und seelische - Schäden und bringt die Geflüchteten in eine noch verwundbarere Situation, in der sie von Menschenhändlern aus dem Sexgewerbe ausgebeutet werden. Darüber hinaus werden Schwangerschaften als Folge sexueller Gewalt zu einem weiteren Kontrollinstrument für geflüchtete Frauen, das von restriktiven Regierungen, die den Schwangerschaftsabbruch einschränken, ebenso ausgenutzt wird wie von den Tätern des Sexhandels.

Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist ein bekanntes und ernstes Problem in der Europäischen Union. Allein in den Jahren 2017 und 2018 wurden mehr als 14.000 Opfer von Menschenhandel registriert, 60 % von ihnen waren Opfer sexueller Ausbeutung und wiederum 92 % von ihnen waren Frauen. Der Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist also in allen Mitgliedstaaten eine große Gefahr für geflüchtete Frauen und Kinder. Menschenhandel ist ein grenzüberschreitendes Problem, und wir gehen davon aus, dass die derzeitige Situation zu weiteren Fällen führen wird und ukrainische Frauen und Kinder bald auf den europäischen Prostitutionsmärkten zu finden sein werden.

In einer Zeit der Krise werden die Defizite und Versäumnisse der Vergangenheit im Kampf gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung deutlich. Menschenhandel kann nur dann wirksam bekämpft werden, wenn die Nachfrage nach Prostitution generell reduziert wird. Wo das System der Prostitution legalisiert und eine legale Infrastruktur für sexuelle Ausbeutung geschaffen wird, floriert das Geschäft mit der Ware Frau besonders gut. Wir fordern daher die Regierungen aller EU-Mitgliedsstaaten und die Europäische Kommission auf, jetzt zu handeln und nicht zuzulassen, dass die Schwächsten der Gesellschaft, Flüchtlingsfrauen und -kinder, Geflüchtete mit Behinderungen, Opfer der politischen Versäumnisse der Vergangenheit werden. Um Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung in der EU nachhaltig zu bekämpfen, ist eine langfristige Lösung erforderlich. Es braucht die entschlossene Zusammenarbeit aller Mitgliedstaaten.

Wir fordern eine Harmonisierung der Gesetzgebung zu Menschenhandel und Prostitution innerhalb der EU und die Einführung des Gleichstellungsmodells nach Vorbild des Nordischen Modells.

  • Kriminalisierung des Sexkaufs und damit die Austrocknung der Märkte für sexuelle Ausbeutung. Prostitution und Menschenhandel sind untrennbar miteinander verbunden. Eine Unterscheidung der "Kunden" in diejenigen, die wissentlich Prostitution von Opfern des Menschenhandels in Anspruch nehmen, und diejenigen, die Prostitution auf dem "legalen Markt" nachfragen, funktioniert in der Praxis nicht. Jede Nachfrage nach Prostitution fördert sexuelle Ausbeutung.
  • Kriminalisierung der Profiteure der Prostitution, die finanziell vom Leid anderer profitieren.
  • Schützen Sie die Vulnerabelsten: Richten Sie Ausstiegsprogramme ein, um Frauen zu unterstützen, die aus der Prostitution aussteigen und sich eine andere Perspektive aufbauen wollen. Stellen Sie ein funktionierendes Hilfesystem für die Opfer von Menschenhandel bereit.
  • Beendigen Sie die Kultur der Kommodifizierung und Objektivierung von Frauenkörpern.
  • Bekämpfen Sie Armut und soziale Ausgrenzung, die Frauen und Kinder in die Prostitution zwingen.

Und als Sofortmaßnahme - Tun Sie alles, um Geflüchtete aus der Ukraine zu schützen:

  • Informieren Sie sie über ihre Rechte und die Gefahren des Menschenhandels, ermöglichen Sie einen schnellen Zugang zum regulären Arbeitsmarkt und den Kindern den Zugang zur Schule, registrieren und überprüfen Sie Helfer, insbesondere private Angebote.
  • Stellen Sie sicher, dass alle öffentlichen und humanitären Stellen, die mit Geflüchteten in Kontakt kommen, über Instrumente verfügen und effektiv darin geschult werden, Geflüchtete zu identifizieren, die Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung sind oder davon bedroht sind.

Der Krieg in der Ukraine und die Vulnerabilität der geflüchteten Frauen zeigen die Lücken in den nationalen und den europäischen Maßnahmen auf und geben uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun - Sexkäufer als Gewalttäter zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Setzen Sie sich für ein Europa ein, in dem Frauen unabhängig von ihrer Nationalität, ihrer Herkunft, ihrer Behinderung, ihrem Alter und ihrem Bildungsstand ihr Recht auf ein Leben frei von Gewalt verwirklichen können. 

Mit freundlichen Grüßen

The Brussels’ Call – For a Europe free from sexual exploitation
The European Women’s Lobby – Together for a feminist Europe
Bündnis Nordisches Modell – Umdenken in der Prostitutionspolitik

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