Ergebnisse der Umfrage 800 450 px 1

Sexuelles Verhalten christlicher Männer in Deutschland, Teil 3:

Pornografiekonsum - Umfrageergebnisse und Realität

Heute veröffentlichen wir einen weiterführenden Beitrag zu den Ergebnissen unserer Umfrage. Den ersten Teil finden Sie hier, den zweiten hier. In den kommenden Wochen folgt der vierte Beitrag. 

Die Umfrage

Am 22. Januar 2022 starteten das Netzwerk gegen Menschenhandel e. V. und free!ndeed e. V. in Zusammenarbeit mit dem britischen Forscher Dr. Glenn Miles eine siebenwöchige Umfrage. Dabei ging es um das sexuelle Verhalten christlicher Männer in Deutschland.

Für weitere Informationen zur Umfrage, ihren Hintergründen und Ergebnissen lesen Sie bitte Teile 1 (Thema: Pornografie) und 2 (Thema: Sexkauf).

Dieser dritte Beitrag beschäftigt sich nur sekundär mit den Umfrageergebnissen; primär soll es darum gehen, aufzuzeigen, welche Negativfolgen Pornografiekonsum haben kann, weshalb es wichtig ist, gerade mit jungen Menschen über das Thema Pornografie zu sprechen und wie Gespräche dieser Art geführt werden können.

Diskussion

Pornografiesucht erklärt 

Seit 2018 ist zwanghaftes Sexualverhalten von der World Health Organization (WHO) offiziell als Krankheitsbild anerkannt (The Reward Foundation, 2021); zu den Ausprägungen zählt nach Meinung von Experten u. a. die Pornografiesucht. Auch die Umfrageteilnehmer wussten zu 93% über das Suchtpotenzial von Pornografiekonsum Bescheid. Das reine Anschauen pornografischer Materialien ist dabei nicht das eigentliche Problem, sondern die Verbindung von Pornografiekonsum mit Masturbation und Ejakulation, die wiederum zur Ausschüttung von Glückshormonen (Dopamin) führt. Die Kombination aus visuellen und physischen Reizen setzt einen chemischen Prozess in Gang, der ähnlich auf das Gehirn wirkt wie stark abhängig machende Drogen (vgl. Wimmer, 2020).
Der Verein free!ndeed, mit dem wir im Rahmen unserer Umfrage kooperiert haben, beschreibt diesen Prozess auf seiner Website folgendermaßen:

Beim Porno schauen [sic] wird das Belohnungssystem im Gehirn getriggert. Der sogenannte Dopamin-Effekt tritt ein, der wiederum bewirkt, dass eine Zunahme von Anzahl, Häufigkeit und Härte des pornografischen Materials eintreten muss, um den gleichen „Rauscheffekt" zu bekommen. Als Resultat daraus schrumpft das Belohnungssystem im Gehirn (Striatum), ganz ähnlich wie bei kokainabhängigen Personen. [eigene Hervorhebung]

Da Pornografiekonsum und Selbstbefriedigung kaum trennbar sind, muss man auch das Bindungshormon Oxytocin mit ins Bild nehmen. Oxytocin wir beim Eintreten des Orgasmus im Gehirn ausgeschüttet. Das ist eine wunderbare Sache, wenn das zwischen zwei Menschen passiert. Doch wenn dabei Pornografie die Grundlage ist, führt es zu einer Bindung zu den vielen Bildern und erschwert daher den Ausstieg aus dieser Sucht zusätzlich.

Steigende Tendenz gewaltvoller Pornografie 

Um den “Rauscheffekt” nicht zu verlieren, muss der Reiz stärker werden, je öfter man sich ihm aussetzt. In der Pornografie bedeutet ein stärkerer Reiz z. B. gewaltvollere Darstellungen. So ist es kaum verwunderlich, dass wir aus den Ergebnissen anderer Studien lernen, dass die Mainstreampornografie, d. h., die pornografischen Inhalte, die auch von Jugendlichen am häufigsten konsumiert werden, immer mehr in Richtung Gewaltdarstellung abschweift, insbesondere in Richtung sexueller Gewalt gegenüber Frauen.(Malamuth und Donnerstein, 1984: S. 27.)

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Abb. 1: Antworten deutscher Teilnehmer zu Frage 13

Dies könnte auch ein Grund dafür sein, warum über 85% der Umfrageteilnehmer Pornografie als grundsätzlich negativ einschätzen: Eventuell bringen auch sie Pornografie mit Gewaltdarstellungen in Verbindung.  

Auch unsere Präventionsarbeit führt uns immer wieder deutlich vor Augen, dass Jugendliche von dem, was sie in der Pornografie sehen, geradezu traumatisiert werden. Es kam sogar vor, dass Teilnehmer:innen Partnerschaft und Sex als Ganzes ablehnten, weil, so die Begründung eines Achtklässlers, der 2019 am “Liebe ohne Zwang” ©2013-Workshop teilnahm, man “jemand anderem nicht eine solche Gewalt antun wolle”. Die gesehene Gewalt wird als negativ bewertet, doch es gibt kaum Vergleiche und es fehlt an Raum für Austausch. Die meisten Jugendlichen haben nicht gelernt, über Sexualität zu sprechen oder haben keine:n Ansprechpartner:in für ihre Fragen und Hinterfragungen von pornografischem Material. Die Tatsache, dass 54% der Umfrageteilnehmer (N = 357) angaben, dass ihre Aufklärung durch Pornografie erfolgt sei und 95% (N = 341) sich rückblickend eine Aufklärung von den Eltern gewünscht hätten, bestätigt dies.

Sexuelle Prägung

Nahezu alle Kinder und Jugendlichen hierzulande bewegen sich heute im digitalen Raum genauso natürlich wie im realen. Doch das Internet ist voll von sexuellen Botschaften und Kinder sind oft nicht ausreichend vor Gefahren im Internet geschützt. War es vor dreißig Jahren noch schwieriger für Kinder, an pornografisches Material zu gelangen, ist es heute fast unmöglich für sie, nicht damit in Berührung zu kommen. In Gesprächen stoßen wir immer wieder auf Eltern, die glauben, ihr Kind würde niemals Pornografie konsumieren, doch wenn Eltern ihre Handys oder Tablets bzw. die ihrer Kinder nicht mit bestimmten Sperren oder einer sogenannten Kinderschutzsoftware versehen, die vor pornografischem Material schützt, werden ihre Kinder zwangsläufig, auch unwillentlich, mit pornografischen Inhalten in Berührung kommen. Informationen darüber, wie genau Sie digitale Geräte sicherer machen, finden Sie hier.

Wie gefährlich und schädlich Pornografie für Gehirn und Psyche sein kann, wissen die wenigsten Jugendlichen. Lee Dreyer, ein junger Mann, der im Alter von 16 Jahren pornografiesüchtig wurde, spricht in einem Interview für Leroy will's wissen auf Youtube über die Konsequenzen seines uninformierten Pornografiekonsums:

Damals war ich mir überhaupt nicht bewusst, dass Pornografie oder Pornos zu schauen überhaupt irgendwas Schlechtes hat oder irgendwas Schlechtes auswirkt, weil ich nicht aufgeklärt wurde. […] irgendwie machen das alle, das kann ja nicht so schlimm sein.

Unsere erwachsenen Umfrageteilnehmer waren sich möglicher negativer Folgen von Pornografiekonsum schon eher bewusst. Auf die Frage, wozu häufiger Konsum von Pornografie ihrer Meinung nach führen kann, antworteten knapp 84% “zur Objektifizierung von Menschen”, 83% “zur Ausbeutung von Menschen für die eigene Befriedigung”, knapp 83% “zu angespannten sexuellen Verhältnissen innerhalb einer Partnerschaft”, 80% “zu sexueller Abhängigkeit” und 67% “zu einer Zunahme von sexueller Belästigung/Gewalt”.

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Abb. 2: Antworten deutscher Teilnehmer zu Frage 16

Besonders Kinder und Jugendliche, die oft schon im frühen Alter (durchschnittlich mit elf Jahren; tendenziell noch jünger durch früheren Smartphonebesitz) mit Pornografie in Berührung kommen, werden dadurch geprägt. Dabei ist es weder von Belang, ob sie Pornografie willentlich suchen oder zufällig darauf stoßen noch ob sie Pornografie beim ersten Konsum als positiv oder negativ bewerten, denn selbst eine negative Bewertung bedeutet nicht, dass nicht weiter geschaut wird. (Zu demselben Ergebnis kommt übrigens auch unsere Umfrage: Obwohl 85% der Teilnehmer Pornografie als grundsätzlich negativ bewerten, konsumieren über 50% mindestens ab und zu Pornografie.)

Jugendliche sind besonders vulnerabel: Sexuelle Identitätsfindung und Normenorientierung stehen zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung im Vordergrund. Aus neurobiologischer Sicht sind Jugendliche einer besonders hohen Prägung von Belohnungsstimuli ausgesetzt, während der präfrontale Cortex noch nicht ausgereift ist. Dadurch ist ihre kortikale Kontrolle gemindert, was bedeutet, dass sie zu Risikoabschätzung, Entscheidungsfindung, Bedürfnisaufschub, Affektregulation usw. weniger gut in der Lage sind. Im jugendlichen Gehirn entstehen schneller Verknüpfungen. Das heißt, Jugendliche lernen schneller, sind aber darum besonders anfällig für sexuelle Prägungen oder Süchte. Für Pornografie bedeutet das: Bilder, die Bindung zu den vielen Bildern und auch bestimmte Prägungen verankern sich tief, gerade bei immer wiederkehrendem Konsum, da das Gehirn durch Wiederholungen lernt. (Vgl. Freitag, 2015: S. 52.) Das Gehirn kann zwar später in einem längeren Prozess wieder umlernen, es bedarf dafür aber gezielter anderer kognitiver Verhaltensweisen und einer ehrlichen Selbstreflexion.

Daher kann es gerade im Jugendalter vorkommen, dass Mädchen und Jungen auf bestimmte sexuelle Praktiken oder Sexualpartner:innen, die sie in Pornografie sehen, geprägt werden. Kinder und Jugendliche, die nach Darstellungen von Sex mit Menschen ihres Alters suchen, können nachhaltig darauf geprägt werden, was dazu führen kann, dass sie sich auch im Erwachsenenalter noch von Kindern oder Jugendlichen sexuell besonders angezogen fühlen. (Protect Children Finnland, 2022). Neben einer im schlimmsten Fall entstehenden pädophilen Neigung, ist daran noch etwas ganz anderes problematisch, das wiederum direkt mit unserem Engagement gegen Menschenhandel zusammenhängt: Wenn Kinder gezielt nach Kinderpornografie suchen, erhöht sich die Nachfrage nach Kinderpornografie und mehr Kinder werden in die Pornografie gebracht, um diese Nachfrage zu bedienen.

Inzwischen sind es sogar Kinder und Jugendliche selbst, die pornografische Materialien herstellen und/oder teilen: 40% der 2021 in Deutschland bereitgestellten Pornografie, in der Minderjährige gezeigt wurden, wurde von Minderjährigen geteilt (vgl. hier); ein häufiger Kanal sind z.B. Schul-Gruppenchats.

Weniger Partnersex

Es gab noch nie so wenig Partnersex wie heute, ist ein Schluss, den Prof. Dr. Schirrmacher aus seiner Forschung im Bereich Sexualität und sexuelles Verhalten zieht. Grund dafür, so Schirrmacher, sei u. a. der beim sogenannten Autosex (= autonomer Sex) im Vergleich zum Partnersex (= Sex mit einem menschlichen Gegenüber) geringere Aufwand, schnell zu einem Orgasmus zu kommen. (Vgl. Schirrmacher, 2017.) Andere Forschungen fanden heraus, dass besonders unter jungen Menschen ein generell vermindertes Interesse an Partnerschaft besteht. (Vgl. Fight the new drug, 2016: S. 7.)

Auch Lee Dreyer beschreibt die Bequemlichkeiten von Autosex:

Die Frauen in Pornos […] da hatte ich einfach das Gefühl, ey, über die hab’ ich Kontrolle, da muss ich mich nicht beweisen,  […] da muss ich nicht attraktiv sein, sondern ich kann einfach raufklicken […] und ich hab’ sofort Sexualität.

Die negativen Folgen exzessiven Pornografiekonsums für ihn und seine Sexualität wurden ihm erst später bewusst, denn zu Sexualität gehört nicht nur eine körperliche Komponente, sondern auch eine psychische Komponente und eine Beziehungskomponente (vgl. Freitag, 2015: S. 25), die durch Pornos nicht oder nicht zulänglich angesprochen und befriedigt werden. Werden diese dauerhaft vernachlässigt, bleibt mit der Zeit ein Gefühl der Wertlosigkeit und der Scham zurück, welches auch Dreyer kennenlernte. 
Der Wunsch nach einem Ende von Einsamkeit und die Sehnsucht nach Intimität können nur durch echte zwischenmenschliche Beziehungen nachhaltig gestillt werden. Der Glaube, dass Pornografiekonsum und/oder Sexkauf dazu in der Lage seien, ist nicht nur ein Irrglaube, sondern birgt zusätzlich die Gefahr, Konsument:innen süchtig zu machen und die Nachfrage in die Höhe zu treiben.

Ein weiteres Problem ist, dass dieses “Konsumverhalten” suggeriert, es gäbe ein Recht auf Sex. Es gibt ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, aber kein Recht auf Sex! Niemand darf einen Anspruch darauf erheben, dass jemand anders seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt. Ein Recht darauf entsteht weder durch die Übergabe von Geld noch durch die Ausübung von Zwang. Und dennoch bestärkt das Konsumverhalten leider genau diesen vermeintlichen Anspruch, dass jemand anders dafür verantwortlich sei, das eigene sexuelle Bedürfnis zu befriedigen, und das hat nicht nur Auswirkungen auf denjenigen, der sich im Recht sieht, seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt zu sehen, sondern auch auf das Gegenüber, das für die Befriedigung verantwortlich gemacht wird, sei es innerhalb eines Pornos, im Rahmen der Prostitution oder auch im Rahmen einer Beziehung.

Während Jungen und Männern ein Anspruchsdenken vermittelt wird, lernen Mädchen und Frauen mittels ihrer passiven, objektifizierten Darstellung in pornografischen Materialien, dass sie einzig für die sexuelle Befriedigung des Mannes am Sex teilhaben können.

Sexuelle Dysfunktionen und andere Konsequenzen

Lee Dreyer berichtet weiter, dass er beim Geschlechtsverkehr nicht zum Orgasmus kommen konnte, weil “der Reiz zu klein war...” Auch das ist ein typisches Phänomen unter Menschen, die häufig Pornografie konsumieren. Dabei ist der Parameter “zu häufig” bei jedem Menschen unterschiedlich; es muss nicht einmal eine Sucht vorliegen, um sexuelle Dysfunktionen auszulösen. (Vgl. Schirrmacher.)

Verschiedene Studien machen deutlich, dass Potenzstörungen bei Männern unter 40 in den letzten zehn Jahren drastisch angestiegen sind: Eine Studie in Kanada zeigte eine Steigerung um 27% bei Männern im Alter von 18 bis 27 Jahren, die davon betroffen waren; eine Studie aus Japan kam zu dem Schluss, dass innerhalb von drei Jahren der Prozentwert von Betroffenen in derselben Altersspanne von 19% auf 36% anstieg. Dieser Anstieg kann u. a. auf einen verstärkten Pornografiekonsum der Zielgruppen zurückgeführt werden.

Doch die Dysfunktionen, die dieser zur Folge haben kann, sind nicht nur sexueller Natur, sondern können u. a. auch zwischenmenschlicher Natur sein.

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Abb. 3: Antworten deutscher Teilnehmer zu Frage 14

89% der Teilnehmer an unserer Umfrage gaben an, dass sie Pornografie für “falsch” halten, weil der Konsum sich negativ auf die Beziehung und/oder Ehe auswirkt. Tatsächlich belegen verschiedene Studien einen negativen Einfluss von Pornografiekonsum auf Ehe und Partnerschaft: Einerseits wird durch Pornografie Unzufriedenheit in der Partnerschaft gefördert durch bestimmtes Aussehen oder Praktiken, die der:die Partner:in ggf. nicht durchführen möchte, andererseits können durch mit dem Konsum in Verbindung stehende Schuldgefühle und daraus resultierende Isolation Konflikte entstehen, die die Partnerschaft belasten.

Knapp 52% und damit immer noch mehr als die Hälfte der Teilnehmer vermuten zudem, dass der Konsum dazu führen kann, dass "der Zuschauende sich physisch inadäquat fühlt”. Auch dieses Gefühl der körperlichen Unzulänglichkeit bis hin zur Beschädigung des Selbstbilds wird von Studien als Folge von Pornografiekonsum bestätigt. (Vgl. Dines, 2014: S. 123.)

Da wir auf die anderen Aspekte, die von den Teilnehmern benannt wurden, bereits eingegangen sind, möchten wir noch einen letzten Aspekt anreißen, der von knapp 80% der Teilnehmer gewählt wurde: Pornografie kann “schädlich für die Pornodarsteller:innen sein”.

Pornografie als Teil des Problems - Menschenhandel und Zwang 

Shelly Lubben, eine ehemalige Pornodarstellerin, schrieb in ihrem Buch Pornografie: Die größte Illusion der Welt, dass „die Pornoindustrie die tödlichste der Welt sei“ (Lubben, 2016: S. 38 f.). Gründe dafür seien u. a. Geschlechtskrankheiten, Drogen, Selbstmord und Tod als Folge angewandter sexueller Praktiken. Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Pornodarstellerin liegt gemäß einer Studie von Daniel R. Jennings, in der Todesursache und -zeitpunkt von 129 Pornodarstellerinnen analysiert wurden, bei 37,43 Jahren. (Vgl. Jennings, 2009.) Viele Frauen, die aus der Pornografieindustrie aussteigen, berichten von den menschenunwürdigen Bedingungen, denen sie ausgesetzt waren. 

Es ist auch nicht auszuschließen, dass sich unter den Darstellerinnen Betroffene von Menschenhandel befinden, denn eine steigende Nachfrage nach (immer) gewaltvoller(er) Pornografie fördert eine steigende Nachfrage nach Pornodarstellerinnen, die auch von Menschenhändlern bedient wird. (Vgl. Marinova und James, 2012: S. 6 f.) Tatsächlich geben viele weibliche Betroffene von Menschenhandel[1] an, auch für die Produktion von Pornografie missbraucht worden zu sein. Somit kann beim Pornografiekonsum nie ganz ausgeschlossen werden, einer sexuellen Zwangssituation und einer traumatisierenden Vergewaltigung zuzuschauen. Bei pornografischen Darstellungen von Kindern gilt das immer: Das bestehende Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen sowie ihre noch nicht ausgebildete Sexualität macht es Kindern unmöglich, einer sexuellen Handlung tatsächlich zuzustimmen. (Vgl. Lubben, 2016.) 

Des Weiteren fördert Pornografie Mythen wie “Sie meint ‘Ja’, wenn sie ‘Nein’ sagt” oder “Frauen wollen immer”, begünstigt damit sexuelle Übergriffe innerhalb und außerhalb von Beziehungen und entlässt Täter aus ihrer Verantwortung. Auch 67,26% unserer Umfrageteilnehmer vermuten "eine Zunahme von sexueller Belästigung/Gewalt" als mögliche Konsequenz übermäßigen Pornografiekonsums. Dies steht u. a. auch im Zusammenhang mit der Tatsache, dass der Konsum von Pornografie die Hemmschwelle zu Sexkauf senkt. Im Artikel 2 dieser Serie berichteten wir schon ausführlich von dieser Problematik.

Zusammenfassung und Ausblick 

Häufiger Pornografiekonsum in Kombination mit Masturbation kann gerade in jungem Alter verheerende Folgen haben. Neben einem verzerrten Bild von Sexualität und der Erkrankung an Pornografie- und/oder Sexsucht können auch verschiedenartige sexuelle und zwischenmenschliche Dysfunktionen hervorgerufen werden. Aufgrund seiner Kürze bleibt der Artikel an der Oberfläche, zeichnet aber ein deutliches Bild einiger negativer Konsequenzen von Pornografie und Pornografiekonsum in unserer Gesellschaft und gibt einen Ausblick auf mögliche, zukünftige Entwicklungen.

Wir wissen, dass eine häufige Nutzung von Pornografie zu einem “Bedarf” nach mehr und härterer Pornografie führt und die Wahrscheinlichkeit eines Sexkaufs erhöht (vgl. Deogan et al., 2021). Wir wissen, dass die erhöhte Nachfrage nach Pornografie und Sexkauf Menschenhandel steigert. Genau hier setzt ein Teil unserer Präventionsmaßnahmen an, um über die Folgen von Pornografiekonsum und Sexkauf aufzuklären und die Nachfrage nach sexueller Ausbeutung zu verringern. Pornografiekonsum darf nicht verharmlost werden, sondern sollte Teil einer offenen und öffentlichen Debatte sein.

Weitere Informationen 

Dieser Beitrag ist ein weiterführender Beitrag zu unserer Serie zur Auswertung unserer Umfrageergebnisse. Den ersten Beitrag rund um das Thema Pornografie finden Sie hier, den zweiten rund um das Thema Sexkauf hier. Im vierten Beitrag der Serie wird es um die letzten Ergebnisse der Umfrage gehen - das selbsteingeschätzte sexuelle Verhalten der Teilnehmer und darum, wie die Kirche bzw. kirchliche Einrichtungen sowie Pädagog:innen und Eltern Themen wie Pornografiekonsum, Sexkauf und Sexsucht angemessen ansprechen können. Er wird in den kommenden Wochen auf unserer Webseite veröffentlicht.

In den vorangegangenen Artikeln könnte die Frage aufgekommen sein, warum nur von Sexkäufern die Rede ist, nicht aber von Sexkäuferinnen. Dazu eine kurze Erklärung: 

Bislang ist die ermittelte Prävalenz von Frauen, die für Sex bezahlen (WPS, „women paying for sex“), so gering (< 0,5 %; [8, 14]), dass sich alle der genannten europäischen Studien auf MPS [„men paying für sex”] konzentrieren. (Döring et al., 2022, S. 202)

Wenn Sie Fragen oder Anmerkungen zu den in diesem Artikel besprochenen Themen haben, melden Sie sich gerne bei unserer Projektkoordinatorin Anika Schönhoff schoenhoff[at]liebe-ohne-zwang.de, die seit vielen Jahren im Themenbereich von Pornografie im digitalen Zeitalter und deren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche forscht und sich aktiv einbringt.

Bei Fragen oder Kommentaren zu Umfrage und Auswertung, kontaktieren Sie bitte unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Rebecca Morgan: rebecca.morgan[at]netzwerkgm.de.

Wenn Sie Hilfe im Bereich Pornosucht benötigen oder einen Suchttest machen wollen, schauen Sie gerne auf der Website von free!ndeed e. V. vorbei.

[1] Laut ILO machen Frauen und Mädchen 80% der Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der kommerziellen sexuellen Ausbeutung aus. (Vgl. ILO, 2022.)

Quellen:

Spendenziel 2022

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Stand vom:
31.08.2022

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